Borgholz begeistert mit Kultur auf höchstem Niveau
Musik, Geschichte und Erinnerung berührten die Besucher
Borgholz erlebte am Sonntag einen außergewöhnlichen Nachmittag, an dem Geschichte, Musik und Erinnerung auf eindrucksvolle Weise miteinander verbunden wurden. Im Rahmen des 6. Festivals „Musik & Kultur der Synagoge“ konnten zahlreiche Besucherinnen und Besucher in der ehemaligen Synagoge, bei einer historischen Ortsführung und schließlich in der Pfarrkirche St. Marien ein vielfältiges Programm erleben. Über 40 Gäste nahmen am Vortrag und der Führung teil, mehr als 70 Besucherinnen und Besucher verfolgten den musikalischen Abschluss in der Pfarrkirche.
Zum Auftakt begrüßte der Vorsitzende des Freundeskreises Synagoge Borgholz, Rainer Mues, die Gäste in der ehemaligen Synagoge. Ortsvorsteher Harald Brechtken überbrachte in Vertretung des Bürgermeisters die Grüße der Stadt Borgentreich. Der Organisator des landesweiten Festivals, Dr. Manfred Keller, bedankte sich beim Freundeskreis für die hervorragende Vorbereitung sowie für die Möglichkeit, die ehemalige Synagoge und die Pfarrkirche St. Marien als Veranstaltungsorte nutzen zu können.
Im Mittelpunkt des ersten Programmteils stand der Vortrag „Rolf Abrahamsohn – (ein) deutsch-jüdisches Leben im 20. Jahrhundert“ von Ayleen Winkler, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Jüdischen Museums Westfalen. Am bewegenden Lebensweg des Holocaust-Überlebenden Rolf Abrahamsohn zeigte sie eindrucksvoll die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland während der vergangenen hundert Jahre auf. Abrahamsohn überlebte das Ghetto Riga und mehrere Konzentrationslager, verlor fast seine gesamte Familie in der Shoah und setzte sich nach dem Krieg unermüdlich für Versöhnung, Demokratie und gegen Antisemitismus ein. Sein Schicksal bewegte die Zuhörerinnen und Zuhörer tief.
Anschließend begaben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Führung „Auf jüdischen Spuren in Borgholz“. Mitglieder des Freundeskreises erläuterten die Geschichte der seit 1622 nachweisbaren jüdischen Gemeinde. Besucht wurden die ehemalige Synagoge, der jüdische Friedhof sowie die ehemaligen Wohnhäuser der Familien Löwenstein und Neustadt. An den Stolpersteinen erinnerten die Teilnehmer an deren Deportation nach Riga und ihre Ermordung während der Zeit des Nationalsozialismus. Gleichzeitig wurde deutlich, welch bedeutenden Beitrag jüdische Familien über Jahrhunderte zum wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben Borgholz‘ geleistet haben.
Während der Führung machte der zweite Vorsitzende des Freundeskreises, Architekt Johannes Vornholt, auf die notwendige erneute Sanierung der ehemaligen Synagoge aufmerksam. Das denkmalgeschützte Gebäude sei ein einzigartiges Zeugnis ländisch-jüdischer Geschichte in Ostwestfalen und müsse auch für kommende Generationen erhalten bleiben.
Den emotionalen Höhepunkt bildete am späten Nachmittag das Konzert „Lieder der Synagoge“ in der katholischen Pfarrkirche St. Marien. Das Ensemble „mendels töchter“ aus Münster gestaltete gemeinsam mit dem Frauenchor „BellaDonna„ aus Gronau unter der Leitung von Marion Röber ein außergewöhnliches Programm mit liturgischen Gesängen des aus Gronau stammenden Kantors Erich Mendel sowie weiteren Werken jüdischer Komponisten und Dichter.
Besonders beeindruckte das Ensemble „mendels töchter“. Die vier jungen Musiktherapeutinnen widmen sich den zahlreichen Kompositionen Erich Mendels und interpretieren diese in freien, einfühlsamen Arrangements. Mit ihren ausdrucksstarken Stimmen sowie ihrer Virtuosität an mehreren Instrumenten, zwischen denen sie im Laufe des Konzerts immer wieder wechselten, verliehen sie den Werken eine außergewöhnliche klangliche Vielfalt und begeisterten das Publikum.
Zwischen den historischen Mauern der Marienkirche entstand eine ganz besondere Atmosphäre. Die Musik schlug eindrucksvoll Brücken zwischen jüdischer und christlicher Tradition. Hoch konzentriert lauschten die Besucherinnen und Besucher den fein abgestimmten Stimmen und Klängen. Viele waren sich anschließend einig, dass Borgholz nur selten ein Konzert von einer derart hohen musikalischen Qualität und zugleich so großer emotionaler Tiefe erlebt hat.
Mit dem gemeinsam gesungenen Friedenslied „Hevenu Shalom Aleichem“ fand der Nachmittag einen bewegenden Abschluss. Der Wunsch nach Frieden, den dieses weltweit bekannte jüdische Lied ausdrückt, erhielt angesichts der weltweiten Krisen eine besondere Aktualität. Lang anhaltender Applaus verabschiedete die Künstlerinnen und setzte den Schlusspunkt unter einen Festivaltag, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Der Tag machte eindrucksvoll deutlich, dass die ehemalige Synagoge Borgholz heute weit mehr ist als ein historisches Gebäude. Sie ist ein Ort der Erinnerung, der Begegnung und des Dialogs – und zugleich ein lebendiges kulturelles Zentrum, das Menschen weit über die Grenzen Borgholz‘ hinaus zusammenführt. Der Freundeskreis Synagoge Borgholz dankt allen Mitwirkenden, den Künstlerinnen, den Referentinnen und Referenten sowie den zahlreichen Gästen, die diesen besonderen Tag zu einem großen Erfolg gemacht haben.



